MEW-ZENO/Band 18/ME18-233.html

Zweiter Abschnitt
Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst

I

In dem Abschnitt über die proudhonistische Lösung der Wohnungsfrage wurde gezeigt, wie sehr das Kleinbürgertum bei dieser Frage direkt interessiert ist. Aber auch das Großbürgertum hat ein sehr bedeutendes, wenn auch indirektes Interesse daran. Die moderne Naturwissenschaft hat nachgewiesen, daß die sogenannten »schlechten Viertel«, in denen die Arbeiter zusammengedrängt sind, die Brutstätten aller jener Seuchen bilden, die von Zeit zu Zeit unsre Städte heimsuchen. Cholera, Typhus und typhoide Fieber, Blattern und andre verheerende Krankheiten verbreiten in der verpesteten Luft und dem vergifteten Wasser dieser Arbeiterviertel ihre Keime; sie sterben dort fast nie aus, entwickeln sich, sobald die Umstände es gestatten, zu epidemischen Seuchen, und dringen dann auch über ihre Brutstätten hinaus in die luftigeren und gesunderen, von den Herren Kapitalisten bewohnten Stadtteile. Die Kapitalistenherrschaft kann nicht ungestraft sich das Vergnügen erlauben, epidemische Krankheiten unter der Arbeiterklasse zu erzeugen; die Folgen fallen auf sie selbst zurück, und der Würgengel wütet unter den Kapitalisten ebenso rücksichtslos wie unter den Arbeitern.

Sobald dies einmal wissenschaftlich festgestellt war, entbrannten die menschenfreundlichen Bourgeois in edlem Wetteifer für die Gesundheit ihrer Arbeiter. Gesellschaften wurden gestiftet, Bücher geschrieben, Vorschläge entworfen, Gesetze debattiert und dekretiert, um die Quellen der immer wiederkehrenden Seuchen zu verstopfen. Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter wurden untersucht und Versuche gemacht, den schreiendsten Übelständen abzuhelfen. Namentlich in England, wo die meisten großen Städte bestanden und daher das Feuer den Großbürgern am heftigsten auf die Nägel brannte, wurde eine große Tätigkeit entwickelt; Regierungskommissionen wurden ernannt, um die Gesundheitsverhältnisse der arbeitenden Klasse zu untersuchen; ihre Berichte, durch Genauigkeit, Vollständigkeit und Unparteilichkeit vor allen kontinentalen Quellen sich rühmlich auszeichnend, lieferten die Grundlagen zu neuen, mehr oder weniger scharf eingreifenden Gesetzen. So unvollkommen diese Gesetze auch sind, so übertreffen sie doch unendlich alles, was bisher auf dem Kontinent in dieser Richtung geschehn. Und trotzdem erzeugt die kapitalistische Gesellschaftsordnung die Mißstände, um deren Kur es sich handelt, immer wieder mit solcher Notwendigkeit, daß selbst in England die Kur kaum einen einzigen Schritt vorgerückt ist.

Deutschland brauchte, wie gewöhnlich, eine weit längere Zeit, bis die auch hier chronisch bestehenden Seuchenquellen zu derjenigen akuten Höhe sich entwickelten, die notwendig war, um das schläfrige Großbürgertum aufzurütteln. Indes, wer langsam geht, geht sicher, und so entstand auch bei uns schließlich eine bürgerliche Literatur der öffentlichen Gesundheit und der Wohnungsfrage, ein wässeriger Auszug ihrer ausländischen, namentlich englischen, Vorgänger, dem man durch volltönende, weihevolle Phrasen den Schein höherer Auffassung anschwindelt. Zu dieser Literatur gehört: Dr. Emil Sax, »Die Wohnungszustände der arbeitenden Glossen und ihre Reform«, Wien 1869.

Ich greife, um die bürgerliche Behandlung der Wohnungsfrage darzulegen , dies Buch nur deswegen heraus, weil es den Versuch macht, die bürgerliche Literatur über den Gegenstand möglichst zusammenzufassen. Und eine schöne Literatur ist es, die unsrem Verfasser als »Quelle« dient! Von den englischen Parlamentsberichten, den wirklichen Hauptquellen, werden nur drei der allerältesten mit Namen genannt; das ganze Buch beweist, daß der Verfasser nie auch nur einen davon angesehn hat; dagegen wird uns eine ganze Reihe von gemeinplätzlich bürgerlichen, wohlmeinend spießbürgerlichen und heuchlerisch philanthropischen Schriften vorgeführt; Ducpétiaux, Roberts, Hole, Huber, die Verhandlungen der englischen Sozialwissenschafts- (oder vielmehr Kohl-) Kongresse, die Zeitschrift des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen in Preußen, der östreichische amtliche Bericht über die Pariser Weltausstellung, die amtlichen bonapartistischen Berichte über dieselbe, die »Illustrierte Londoner Zeitung«, »Über Land und Meer« und endlich »eine anerkannte Autorität«, ein Mann von »scharfsinniger, praktischer Auffassung«, von »überzeugender Eindringlichkeit der Rede«, nämlich – Julius Faucher! Es fehlt in dieser Quellenliste nur noch die »Gartenlaube«, der »Kladderadatsch« und der Füsilier Kutschke.

Damit über den Standpunkt des Herrn Sax kein Mißverständnis aufkommen könne, erklärt er Seite 22:

»Wir bezeichnen mit Sozialökonomie die Volkswirtschaftslehre in ihrer Anwendung auf die sozialen Fragen, genauer ausgedrückt, den Inbegriff der Mittel und Wege, welche uns diese Wissenschaft bietet, auf Grund ihrer ›ehernen‹ Gesetze innerhalb des Rahmens der gegenwärtig herrschenden Gesellschaftsordnung, die sogenannten (!) besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden emporzuheben.«

Wir gehen nicht ein auf die konfuse Vorstellung, daß die »Volkswirtschaftslehre« oder politische Ökonomie sich überhaupt mit andern als »sozialen« Fragen beschäftige. Wir gehn gleich auf den Hauptpunkt los. Dr. Sax verlangt, die »ehernen Gesetze« der bürgerlichen Ökonomie, der »Rahmen der gegenwärtig herrschenden Gesellschaftsordnung«, mit andern Worten, die kapitalistische Produktionsweise soll unverändert bestehn bleiben, und doch sollen die »sogenannten besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden« emporgehoben werden. Nun ist es aber eine unumgängliche Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise, daß eine nicht sogenannte, sondern wirkliche besitzlose Klasse vorhanden ist, die eben nichts zu verkaufen hat als ihre Arbeitskraft, und die daher auch gezwungen ist, den industriellen Kapitalisten diese Arbeitskraft zu verkaufen. Die Aufgabe der von Herrn Sax erfundenen neuen Wissenschaft der Sozialökonomie besteht also darin: die Mittel und Wege zu finden, wie innerhalb eines Gesellschaftszustands, der begründet ist auf dem Gegensatz von Kapitalisten, Inhabern aller Rohmaterialien, Produktionsinstrumente und Lebensmittel einerseits, und von besitzlosen Lohnarbeitern, die nur ihre Arbeitskraft und weiter nichts ihr eigen nennen, andrerseits, wie innerhalb dieses Gesellschaftszustands alle Lohnarbeiter in Kapitalisten verwandelt werden können, ohne aufzuhören, Lohnarbeiter zu sein. Herr Sax meint diese Frage gelöst zu haben. Vielleicht wird er so gut sein, uns zu zeigen, wie man alle Soldaten der französischen Armee, von denen ja seit dem alten Napoleon jeder seinen Marschallstab im Tornister trägt, in Feldmarschälle verwandeln kann, ohne daß sie aufhören, gemeine Soldaten zu sein. Oder wie man es fertig bringt, alle 40 Millionen Untertanen des Deutschen Reichs zu deutschen Kaisern zu machen.

Es ist das Wesen des bürgerlichen Sozialismus, die Grundlage aller Übel der heutigen Gesellschaft aufrechterhalten und gleichzeitig diese Übel abschaffen zu wollen. Die bürgerlichen Sozialisten wollen, wie schon das »Kommunistische Manifest« sagt, »den sozialen Mißständen abhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern«, sie wollen »die Bourgeoisie ohne das Proletariat«. Wir haben gesehn, daß Herr Sax die Frage genau ebenso stellt. Ihre Lösung findet er in der Lösung der Wohnungsfrage; er ist der Ansicht, daß

»durch Verbesserung der Wohnungen der arbeitenden Klassen dem geschilderten leiblichen und geistigen Elend mit Erfolg abzuhelfen und dadurch – durch umfassende Besserung der Wohnungszustände allein – der überwiegende Teil dieser Klassen aus dem Sumpf ihrer oft kaum menschenwürdigen Existenz zu den reinen Höhen materiellen und geistigen Wohlbefindens emporzuheben wäre«. (Seite 14.)

Nebenbei bemerkt, liegt es im Interesse der Bourgeoisie, die Existenz eines durch die bürgerlichen Produktionsverhältnisse geschaffenen und deren Fortbestand bedingenden Proletariats zu vertuschen. Daher erzählt uns Herr Sax, Seite 21, daß unter arbeitenden Klassen alle »unbemittelten Gesellschaftsklassen«, »kleine Leute überhaupt, als Handwerker, Witwen, Pensionisten (!), subalterne Beamte usw.« neben den eigentlichen Arbeitern zu verstehn sind. Der Bourgeoissozialismus reicht dem kleinbürgerlichen die Hand.

Woher kommt nun die Wohnungsnot? Wie entstand sie? Herr Sax darf als guter Bourgeois nicht wissen, daß sie ein notwendiges Erzeugnis der bürgerlichen Gesellschaftsform ist; daß eine Gesellschaft nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann, in der die große arbeitende Masse auf Arbeitslohn, also auf die zu ihrer Existenz und Fortpflanzung notwendige Summe von Lebensmitteln, ausschließlich angewiesen ist; in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschinerie usw. Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der heftige, regelmäßig wiederkehrende industrielle Schwankungen einerseits das Vorhandensein einer zahlreichen Reservearmee von unbeschäftigten Arbeitern bedingen, andrerseits zeitweilig die große Masse der Arbeiter arbeitslos auf die Straße treiben; in der Arbeiter massenhaft in den großen Städten zusammengedrängt werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen Wohnungen für sie entstehn, in der also für die infamsten Schweineställe sich immer Mieter finden müssen; in der endlich der Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten Mietpreise herauszuschlagen. In einer solchen Gesellschaft ist die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution, sie kann mitsamt ihren Rückwirkungen auf die Gesundheit usw. nur beseitigt werden, wenn die ganze Gesellschaftsordnung, der sie entspringt, von Grund aus umgewälzt wird. Das aber darf der Bourgeoissozialismus nicht wissen. Er darf sich die Wohnungsnot nicht aus den Verhältnissen erklären. Es bleibt ihm also kein anderes Mittel übrig, als sie mit moralischen Phrasen aus der Schlechtigkeit der Menschen zu erklären, sozusagen aus der Erbsünde.

»Und da ist nicht zu verkennen – und folglich nicht zu leugnen« (kühner Schluß!) – »daß die Schuld... einesteils an den Arbeitern selbst liegt, den Wohnungsbegehrenden, andern und zwar weit größeren Teils aber an denjenigen, welche die Befriedigung des Bedürfnisses übernehmen, oder, obwohl sie über die erforderlichen Mittel gebieten, auch nicht übernehmen, an den besitzenden, höheren Gesellschaftsklassen. Die Schuld auf seiten der letzteren... besteht darin, daß sie es sich nicht angelegen sein lassen, für ausreichendes Angebot guter Wohnungen zu sorgen.«

Wie Proudhon uns aus der Ökonomie in die Juristerei, so versetzt uns hier unser Bourgeoissozialist aus der Ökonomie in die Moral. Und nichts ist natürlicher. Wer die kapitalistische Produktionsweise, die »ehernen Gesetze« der heutigen bürgerlichen Gesellschaft, für unantastbar erklärt, und doch ihre mißliebigen, aber notwendigen Folgen abschaffen will, dem bleibt nichts übrig, als den Kapitalisten Moralpredigten zu halten, Moralpredigten, deren Rühreffekt sofort wieder durch das Privatinteresse und nötigenfalls durch die Konkurrenz in Dunst aufgelöst wird. Diese Moralpredigten gleichen genau denen der Henne am Rande des Teichs, auf dem ihre ausgebrüteten Entchen lustig herumschwimmen. Die Entchen gehn aufs Wasser, obwohl es keine Balken, und die Kapitalisten stürzen sich auf den Profit, obwohl er kein Gemüt hat. »In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf«, sagte schon der alte Hansemann, der das besser kannte als Herr Sax.

»Die guten Wohnungen stehn so hoch im Preise, daß es dem größten Teil der Arbeiter ganz und gar unmöglich ist, davon Gebrauch zu machen. Das große Kapital... hält sich von den Wohnungen für die arbeitenden Klassen scheu zurück... So fallen denn diese Klassen mit ihrem Wohnungsbedürfnisse zum größten Teil der Spekulation anheim.«

Abscheuliche Spekulation – das große Kapital spekuliert natürlich nie! Aber es ist nicht der böse Wille, es ist nur die Unwissenheit, die das große Kapital verhindert. In Arbeiterhäusern zu spekulieren:

»Die Hausbesitzer wissen gar nicht, welch große und wichtige Rolle eine normale Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses... spielt, sie wissen nicht, was sie den Leuten tun, wenn sie ihnen, wie die Regel, so unverantwortlich schlechte, schädliche Wohnungen anbieten, und sie wissen endlich nicht, wie sie sich selbst damit schaden.« (Seite 27.)

Die Unwissenheit der Kapitalisten bedarf aber der Unwissenheit der Arbeiter, um mit ihr die Wohnungsnot zu erzeugen. Nachdem Herr Sax zugegeben, daß die »alleruntersten Schichten« der Arbeiter, »um nicht ganz obdachlos zu bleiben, wo und wie immer ein Nachtlager zu suchen bemüßigt (!) und in dieser Beziehung völlig wehr- und hülflos sind«, erzählt er uns:

»Denn es ist eine allbekannte Tatsache, wie viele unter ihnen« (den Arbeitern) »aus Leichtsinn, vorwiegend aber aus Unwissenheit, ihrem Körper die Bedingungen naturgemäßer Entwickelung und gesunder Existenz, fast möchte man sagen, mit Virtuosität, entziehn, indem sie von einer rationellen Gesundheitspflege, insbesondere aber davon, welch enorme Bedeutung der Wohnung in dieser zukommt, nicht den mindesten Begriff haben.« (Seite 27.)

Nun aber kommt das bürgerliche Eselsohr heraus. Während bei den Kapitalisten die »Schuld« sich in Unwissenheit verflüchtigte, ist bei den Arbeitern die Unwissenheit nur der Anlaß zur Schuld. Man höre:

»So kommt es« (nämlich durch die Unwissenheit), »daß sie sich, wenn sie nur etwas an der Miete ersparen, in dunkle, feuchte, unzureichende, kurz allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechende Wohnungen ziehn... daß oft mehrere Familien in eine einzige Wohnung, ja, ein einziges Zimmer sich zusammen mieten – alles, um möglichst wenig für die Wohnung auszugeben, während sie daneben auf Trunk und allerlei eitle Vergnügungen ihr Einkommen in wahrhaft sündhafter Weise verschleudern.«

Das Geld, das die Arbeiter »auf Branntwein und Tabak verschwenden« (Seite 28), das »Wirtshausleben mit all seinen beklagenswerten Folgen, das wie ein Bleigewicht den Arbeiterstand immer wieder in den Schlamm hinabzieht«, liegt Herrn Sax in der Tat wie ein Bleigewicht im Magen. Daß unter den gegebenen Verhältnissen die Trunksucht unter den Arbeitern ein notwendiges Produkt ihrer Lebenslage ist, ebenso notwendig wie Typhus, Verbrechen, Ungeziefer, Gerichtsvollzieher und andere gesellschaftliche Krankheiten, so notwendig, daß man die Durchschnittszahl der der Trunksucht Verfallenden vorher berechnen kann, das darf Herr Sax wieder nicht wissen. Übrigens sagte schon mein alter Elementarlehrer: »Die Gemeinen gehen in das Fuselhaus, und die Vornehmen gehn in den Klub«, und da ich in beiden gewesen bin, kann ich die Richtigkeit bezeugen.

Das ganze Gerede von der »Unwissenheit« beider Teile läuft hinaus auf die alten Redensarten von der Harmonie der Interessen von Kapital und Arbeit. Wenn die Kapitalisten ihr wahres Interesse kennten, würden sie den Arbeitern gute Wohnungen liefern und sie überhaupt besserstellen; und wenn die Arbeiter ihr wahres Interesse verständen, würden sie nicht striken, nicht Sozialdemokratie treiben, nicht politisieren, sondern hübsch ihren Vorgesetzten, den Kapitalisten, folgen. Leider finden beide Teile ihre Interessen ganz woanders als in den Predigten des Herrn Sax und seiner zahllosen Vorgänger. Das Evangelium von der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit ist nun schon an die fünfzig Jahre gepredigt worden; die bürgerliche Philanthropie hat es sich schweres Geld kosten lassen, diese Harmonie durch Musteranstalten zu beweisen; und wie wir später sehen werden, sind wir heute grade so weit wie vor fünfzig Jahren.

Unser Verfasser geht nun an die praktische Lösung der Frage. Wie wenig revolutionär der Vorschlag Proudhons war, die Arbeiter zu Eigentümern ihrer Wohnungen zu machen, geht schon daraus hervor, daß der bürgerliche Sozialismus diesen Vorschlag schon vor ihm praktisch auszuführen versucht hatte und noch versucht. Auch Herr Sax erklärt, daß die Wohnungsfrage vollständig nur durch Übertragung des Eigentums der Wohnung an die Arbeiter zu lösen sei (S. 58 und 59). Mehr noch, er verfällt in dichterische Verzückung bei diesem Gedanken und bricht in folgenden Begeisterungsschwung aus:

»Es ist etwas Eigentümliches um die im Menschen liegende Sehnsucht nach Grundbesitz, einen Trieb, den selbst das fieberhaft pulsierende Güterleben der Gegenwart nicht abzuschwächen vermochte. Es ist dies das unbewußte Gefühl von der Bedeutung der wirtschaftlichen Errungenschaft, die der Grundbesitz darstellt. Mit ihm bekommt der Mensch einen sicheren Halt, er wurzelt gleichsam fest in dem Boden, und jede Wirtschaft (!) hat in demselben die dauerhafteste Basis. Doch weit über diese materiellen Vorteile reicht die Segenskraft des Grundbesitzes hinaus. Wer so glücklich ist, einen solchen sein zu nennen, hat die denkbar höchste Stufe wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht; er hat ein Gebiet, worauf er souverän schalten und walten kann, er ist sein eigner Herr, er hat eine gewisse Macht und einen sichern Rückhalt für die Zeit der Not; es wächst sein Selbstbewußtsein und mit diesem seine moralische Kraft. Daher die tiefe Bedeutung des Eigentums in der vorliegenden Frage... Der Arbeiter, hülflos heute den Wechselfällen der Konjunktur ausgesetzt, in steter Abhängigkeit von dem Arbeitgeber, würde dadurch bis zu einem gewissen Grad dieser prekären Lage entrückt, er würde Kapitalist und gegen die Gefahren der Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit durch den Realkredit, der ihm infolgedessen offenstände, gesichert. Er würde dadurch aus der besitzlosen in die Klasse der Besitzenden emporgehoben.« (Seite 63.)

Herr Sax scheint vorauszusetzen, daß der Mensch wesentlich Bauer ist, sonst würde er nicht den Arbeitern unserer großen Städte eine Sehnsucht nach Grundbesitz andichten, die sonst niemand bei ihnen entdeckt hat. Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Freiheit der Bewegung erste Lebensbedingung und Grundbesitz kann ihnen nur eine Fessel sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet sie wieder an die Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten. Der einzelne Arbeiter mag sein Häuschen gelegentlich verkaufen können, bei einem ernstlichen Strike oder einer allgemeinen Industriekrise aber würden sämtliche den betreffenden Arbeitern gehörenden Häuser zum Verkauf auf den Markt kommen müssen, also gar keine Käufer finden oder weit unter Kostpreis losgeschlagen werden. Und wenn sie alle Käufer fänden, so wäre ja die ganze große Wohnungsreform des Herrn Sax wieder in nichts aufgelöst, und er könnte wieder von vorn anfangen. Indes, Dichter leben in einer Welt der Einbildung, und so auch Herr Sax, der sich einbildet, der Grundbesitzer habe »die höchste Stufe wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht«, er habe »einen sichern Rückhalt«, »er würde Kapitalist und gegen die Gefahren der Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit durch den Realkredit, der ihm infolgedessen offenstände, gesichert« usw. Herr Sax sehe sich doch die französischen und unsre rheinischen kleinen Bauern an; ihre Häuser und Felder sind mit Hypotheken über und über beschwert, ihre Ernte gehört ihren Gläubigern, ehe sie geschnitten ist, und auf ihrem »Gebiet« schalten und walten nicht sie souverän, sondern der Wucherer, der Advokat und der Gerichtsvollzieher. Das ist allerdings die denkbar höchste Stufe der wirtschaftlichen Unabhängigkeit – für den Wucherer! Und damit die Arbeiter so rasch wie möglich ihr Häuschen unter dieselbe Souveränität des Wucherers bringen, weist sie der wohlwollende Herr Sax vorsorglich auf den ihnen offenstehenden Realkredit hin, den sie in Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit benutzen können, statt der Armenpflege zur Last zu fallen.

Jedenfalls hat nun Herr Sax die anfangs gestellte Frage gelöst: der Arbeiter »wird Kapitalist« durch Erwerb eines eignen Häuschens.

Kapital ist Kommando über die unbezahlte Arbeit andrer. Das Häuschen des Arbeiters wird also nur Kapital, sobald er es einem Dritten vermietet und in der Gestalt der Miete sich einen Teil des Arbeitsprodukts dieses Dritten aneignet. Dadurch, daß er es selbst bewohnt, wird das Haus gerade daran verhindert, Kapital zu werden, ebenso wie der Rock in demselben Augenblick aufhört, Kapital zu sein, wo ich ihn vom Schneider kaufe und anziehe. Der Arbeiter, der ein Häuschen im Wert von tausend Talern besitzt, ist allerdings kein Proletarier mehr, aber man muß Herr Sax sein, um ihn einen Kapitalisten zu nennen.

Das Kapitalistentum unsres Arbeiters hat aber noch ein andre Seite. Nehmen wir an, in einer gegebenen Industriegegend sei es die Regel geworden, daß jeder Arbeiter sein eignes Häuschen besitzt. In diesem Fall wohnt die Arbeiterklasse jener Gegend frei; Unkosten für Wohnung gehn nicht mehr ein in den Wert ihrer Arbeitskraft. Jede Verringerung der Erzeugungskosten der Arbeitskraft, d.h. jede dauernde Preiserniedrigung der Lebensbedürfnisse des Arbeiters kommt aber »auf Grund der ehernen Gesetze der Volkswirtschaftslehre« einer Herabdrückung des Werts der Arbeitskraft gleich und hat daher schließlich einen entsprechenden Fall im Arbeitslohn zur Folge. Der Arbeitslohn würde also durchschnittlich um den ersparten Durchschnittsmietbetrag fallen, d.h. der Arbeiter würde die Miete für sein eignes Haus zahlen, aber nicht, wie früher, in Geld an den Hausbesitzer, sondern in unbezahlter Arbeit an den Fabrikanten, für den er arbeitet. Auf diese Weise würden die im Häuschen angelegten Ersparnisse des Arbeiters allerdings gewissermaßen zu Kapital, aber Kapital nicht für ihn, sondern für den ihn beschäftigenden Kapitalisten.

Herr Sax bringt es also nicht einmal auf dem Papier fertig, seinen Arbeiter in einen Kapitalisten zu verwandeln.

Beiläufig bemerkt, gilt das oben Gesagte von allen sogenannten sozialen Reformen, die auf Sparen oder auf Verwohlfeilung der Lebensmittel des Arbeiters hinauslaufen. Entweder werden sie allgemein, und dann folgt ihnen eine entsprechende Lohnherabsetzung, oder aber sie bleiben ganz vereinzelte Experimente, und dann beweist ihr bloßes Dasein als einzelne Ausnahme, daß ihre Durchführung im großen mit der bestehnden kapitalistischen Produktionsweise unvereinbar ist. Nehmen wir an, in einer Gegend gelinge es, durch allgemeine Einführung von Konsumvereinen die Lebensmittel der Arbeiter um 20 Prozent wohlfeiler zu machen; so müßte der Arbeitslohn auf die Dauer dort um annähernd 20 Prozent fallen, d.h. in demselben Verhältnis, in dem die betreffenden Lebensmittel in den Lebensunterhalt der Arbeiter eingehn. Verwendet der Arbeiter z.B. durchschnittlich drei Viertel seines Wochenlohns auf diese Lebensmittel, so fällt der Arbeitslohn schließlich um 3/4 x 20 = 15 Prozent. Kurzum: sobald eine derartige Sparreform allgemein geworden, erhält der Arbeiter in demselben Verhältnis weniger Lohn, als ihm seine Ersparnisse erlauben, wohlfeiler zu leben. Gebt jedem Arbeiter ein erspartes, unabhängiges Einkommen von 52 Taler, und sein Wochenlohn muß schließlich um einen Taler sinken. Also: je mehr er spart, desto weniger Lohn erhält er. Er spart also nicht in seinem eignen Interesse, sondern in dem des Kapitalisten. Was bedarf es mehr, in ihm »die erste wirtschaftliche Tugend, den Sparsinn... auf das mächtigste anzuregen«? (S. 64.)

Übrigens sagt uns Herr Sax auch gleich darauf, daß die Arbeiter Hausbesitzer werden sollen nicht sowohl in ihrem eignen Interesse, als in dem der Kapitalisten:

»Doch nicht der Arbeiterstand, auch die Gesellschaft im ganzen hat das höchste Interesse daran, möglichst viele ihrer Glieder mit dem Boden verknüpft (!) zu sehen« (ich möchte Herrn Sax wohl einmal in dieser Positur sehn) »... Alle die geheimen Kräfte, die den Vulkan, die soziale Frage genannt, der unter unsern Füßen glüht, entflammen, die proletarische Verbitterung, der Haß... die gefährlichen Begriffsverwirrungen... sie müssen zerstäuben wie die Nebel vor der Morgensonne, wenn... die Arbeiter selbst auf jenem Wege in die Klasse der Besitzenden übergehen.« (S. 65.)

In andern Worten: Herr Sax hofft, daß die Arbeiter durch eine Verschiebung ihrer proletarischen Stellung, wie sie der Hauserwerb herbeiführen müßte, auch ihren proletarischen Charakter verlieren und wieder gehorsame Duckmäuser werden gleich ihren ebenfalls hausbesitzenden Vorfahren. Die Proudhonisten mögen sich das zu Gemüte führen.

Hiermit glaubt Herr Sax die soziale Frage gelöst zu haben:

»Die gerechtere Verteilung der Güter, das Sphinxrätsel, an dessen Lösung sich schon viele vergeblich versuchten, liegt sie nicht so als greifbares Faktum vor uns, ist sie nicht damit den Regionen der Ideale entrückt und in den Bereich der Wirklichkeit getreten? Und wenn realisiert, ist damit nicht eins der höchsten Ziele erreicht, das selbst die Sozialisten der extremsten Richtung als den Gipfelpunkt ihrer Theorien hinstellen?« (S. 66.)

Es ist ein wahres Glück, daß wir uns bis hierher durchgearbeitet haben. Dieser Jubelruf bildet nämlich den »Gipfelpunkt« des Saxschen Buchs, und von jetzt an geht es wieder sachte bergunter, aus »den Regionen der Ideale« auf die platte Wirklichkeit, und wenn wir unten ankommen, werden wir finden, daß sich nichts, aber auch gar nichts in unsrer Abwesenheit geändert hat.

Den ersten Schritt bergab läßt uns unser Führer tun, indem er uns belehrt, daß es zwei Systeme von Arbeiterwohnungen gibt: das Cottagesystem, wo jede Arbeiterfamilie ihr eignes Häuschen und womöglich Gärtchen hat, wie in England, und das Kasernensystem der großen, viele Arbeiterwohnungen enthaltenden Gebäude, wie in Paris, Wien usw. Zwischen beiden stehe das in Norddeutschland übliche System. Nun sei zwar das Cottagesystem das einzig richtige, und das einzige, wobei der Arbeiter das Eigentum an seinem Hause erwerben könne; auch habe das Kasernensystem sehr große Nachtelle für Gesundheit, Moralität und häuslichen Frieden – aber leider, leider sei das Cottagesystem grade in den Mittelpunkten der Wohnungsnot, in den großen Städten, wegen der Bodenteurung unausführbar, und man könne noch froh sein, wenn man dort, statt großer Kasernen, Häuser zu 4 bis 6 Wohnungen errichte oder den Hauptmängeln des Kasernensystems durch allerhand bauliche Künsteleien abhelfe. (S. 71-92.)

Nicht wahr, wir sind schon ein gutes Stück heruntergekommen? Die Verwandlung der Arbeiter in Kapitalisten, die Lösung der sozialen Frage, das jedem Arbeiter eigentümlich gehörende Haus – das alles ist oben in »den Regionen der Ideale« geblieben; wir haben uns nur noch damit zu beschäftigen, das Cottagesystem auf dem Lande einzuführen und in den Städten die Arbeiterkasernen so erträglich wie möglich einzurichten.

Die bürgerliche Lösung der Wohnungsfrage ist also eingestandenermaßen gescheitert – gescheitert an dem Gegensatz von Stadt und Land. Und hier sind wir an dem Kernpunkt der Frage angelangt. Die Wohnungsfrage ist erst dann zu lösen, wenn die Gesellschaft weit genug umgewälzt ist, um die Aufhebung des von der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft auf die Spitze getriebenen Gegensatzes von Stadt und Land in Angriff zu nehmen. Die kapitalistische Gesellschaft, weit entfernt, diesen Gegensatz aufheben zu können, muß ihn im Gegenteil täglich mehr verschärfen. Dagegen haben schon die ersten modernen utopistischen Sozialisten, Owen und Fourier, dies richtig erkannt. In ihren Mustergebäuden existiert der Gegensatz von Stadt und Land nicht mehr. Es findet also das Gegenteil statt von dem, was Herr Sax behauptet: nicht die Lösung der Wohnungsfrage löst zugleich die soziale Frage, sondern erst durch die Lösung der sozialen Frage, d.h. durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, wird zugleich die Lösung der Wohnungsfrage möglich gemacht. Die Wohnungsfrage lösen wollen und die modernen großen Städte forterhalten wollen, ist ein Widersinn. Die modernen großen Städte werden aber beseitigt erst durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, und wenn diese erst in Gang gebracht, wird es sich um ganz andere Dinge handeln, als jedem Arbeiter ein ihm zu eigen gehörendes Häuschen zu verschaffen.

Zunächst wird aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müssen, wie sie sie findet, und den schreiendsten Übeln mit den vorhandenen Mitteln abhelfen müssen. Und da haben wir schon gesehn, daß der Wohnungsnot sofort abgeholfen werden kann durch Expropriation eines Teils der den besitzenden Klassen gehörenden Luxuswohnungen und durch Bequartierung des übrigen Teils.

Wenn nun Herr Sax im Verfolg wieder aus den großen Städten herausgeht und ein langes und breites redet über Arbeiterkolonien, die neben den Städten angelegt werden sollen, wenn er alle die Schönheiten solcher Kolonien schildert, mit ihrer gemeinsamen »Wasserleitung, Gasbeleuchtung, Luft- oder Warmwasserheizung, Waschküchen, Trockenstuben, Badekammern u. dgl.«, mit »Kleinkinderbewahranstalt, Schule, Betsaal (!), Lesezimmer, Bibliothek... Wein- und Bierstube, Tanz- und Musiksaal in allen Ehren«, mit Dampfkraft, die in alle Häuser geleitet werden und so »die Produktion in gewissem Umfang aus den Fabriken in die häusliche Werkstätte zurückverlegen« kann – so ändert das an der Sache nichts. Die Kolonie, wie er sie schildert, ist von Herrn Huber den Sozialisten Owen und Fourier direkt abgeborgt und bloß durch Abstreifung alles Sozialistischen total verbürgert. Dadurch aber wird sie erst recht utopistisch. Kein Kapitalist hat ein Interesse daran, solche Kolonien anzulegen, wie denn auch nirgendwo in der Welt eine solche besteht, außer in Guise in Frankreich; und diese ist gebaut von einem Fourieristen, nicht als rentable Spekulation, sondern als sozialistisches Experiment3. Ebensogut hätte Herr Sax die im Anfang der vierziger Jahre von Owen in Hampshire gegründete und längst untergegangene kommunistische Kolonie Harmony Hall zugunsten seiner bürgerlichen Projektenmacherei anführen können.

Indes ist all dies Gerede von Kolonisation nur ein lahmer Versuch, wieder in die »Regionen der Ideale« emporzufliegen, der auch sofort wieder fallengelassen wird. Wir gehn nun wieder flott bergab. Die einfachste Lösung ist nun die,

»daß die Arbeitgeber, die Fabrikherren, den Arbeitern zu entsprechenden Wohnungen verhelfen, sei es, daß sie diese selbst herstellen, sei es, daß sie die Arbeiter zu eigner Bautätigkeit aufmuntern und unterstützen, indem sie ihnen Grund und Boden zur Verfügung stellen, das Baukapital vorschießen usw.« (S. 106.)

Hiermit sind wir wieder aus den großen Städten heraus, wo von alledem keine Rede sein kann, und aufs Land zurückversetzt. Herr Sax beweist nun, daß es hier im Interesse der Fabrikanten selbst liegt, ihren Arbeitern zu erträglichen Wohnungen zu verhelfen, einerseits als gute Kapitalanlage, andrerseits, weil die daraus unfehlbar

»resultierende Hebung der Arbeiter... eine Steigerung ihrer körperlichen und geistigen Arbeitskraft nach sich ziehen muß, was natürlich... nicht minder... dem Arbeitgeber zugute kommt. Damit ist aber auch der rechte Gesichtspunkt für die Beteiligung der letzteman der Wohnungsfrage gegeben: Sie erscheint als Ausfluß der latenten Assoziation, der meist unter dem Gewande humanitärer Bestrebungen verborgenen Sorge der Arbeitgeber für das leibliche und wirtschaftliche, geistige und sittliche Wohl ihrer Arbeiter, welche sich durch ihre Erfolge, Heranziehung und Sicherung einer tüchtigen, geschickten, willigen, zufriedenen und ergebenen Arbeiterschaft von selbst pekuniär entlohnt.« (S. 108.)

Die Phrase der »latenten Assoziation«, womit Huber dem bürgerlich-philanthropischen Gefasel einen »höheren Sinn« unterzuschieben versuchte, ändert an der Sache nichts. Auch ohne diese Phrase haben die großen ländlichen Fabrikanten, namentlich in England, längst eingesehn, daß die Anlage von Arbeiterwohnungen nicht nur eine Notwendigkeit, ein Stück der Fabrikanlage selbst ist, sondern sich auch sehr gut rentiert. In England sind auf diese Weise ganze Dörfer entstanden, von denen manche sich später zu Städten entwickelt haben. Die Arbeiter aber, statt den menschenfreundlichen Kapitalisten dankbar zu sein, haben von jeher sehr bedeutende Einwendungen gegen dies »Cottagesystem« gemacht. Nicht nur, daß sie Monopolpreise für die Häuser zahlen müssen, weil der Fabrikant keine Konkurrenten hat; sie sind bei jedem Strike sofort obdachlos, da der Fabrikant sie ohne weiteres an die Luft setzt und dadurch jeden Widerstand sehr erschwert. Das Nähere kann man in meiner »Lage der arbeitenden Klasse in England« S. 224 und 228 nachlesen. Aber Herr Sax meint, dergleichen »verdiene doch kaum eine Widerlegung«. (S. 111.) Und will er nicht dem Arbeiter das Eigentum an seinem Häuschen verschaffen? Allerdings, aber da »die Arbeitgeber in der Lage sein müßten, über die Wohnung stets zu verfügen, um, wenn sie einen Arbeiter entlassen, für den Ersatzmann Raum zu haben«, so – nun ja, so müßte »durch Verabredung der Widerruflichkeit des Eigentums für jene Fälle vorgesehen werden«! (S. 113.)4

Diesmal sind wir unerwartet rasch heruntergekommen. Erst hieß es: Eigentum des Arbeiters an seinem Häuschen; dann erfahren wir, daß das in den Städten unmöglich und nur auf dem Lande durchführbar; jetzt wird uns erklärt, daß dies Eigentum auch auf dem Lande nur ein »durch Verabredung widerrufliches« sein soll! Mit dieser von Herrn Sax neu entdeckten Sorte von Eigentum für die Arbeiter, mit dieser ihrer Verwandlung in »durch Verabredung widerrufliche« Kapitalisten, sind wir glücklich wieder auf ebener Erde angekommen und haben hier zu untersuchen, was die Kapitalisten und sonstigen Philanthropen zur Lösung der Wohnungsfrage wirklich getan haben.

II

Wenn wir unserm Dr. Sax glauben dürfen, so ist von seiten der Herren Kapitalisten schon jetzt Bedeutendes zur Abhülfe der Wohnungsnot geleistet und der Beweis geliefert worden, daß die Wohnungsfrage auf Grund der kapitalistischen Produktionsweise lösbar ist.

Vor allen Dingen führt uns Herr Sax an – das bonapartistische Frankreich! Louis Bonaparte ernannte bekanntlich zur Zeit der Pariser Weltausstellung eine Kommission, scheinbar um über die Lage der arbeitenden Klassen Frankreichs zu berichten, in der Tat, um zum großem Ruhm des Kaiserreichs diese Lage als eine wahrhaft paradiesische zu schildern. Und auf den Bericht dieser aus den korruptesten Werkzeugen des Bonapartismus zusammengesetzten Kommission beruft sich Herr Sax, besonders auch, weil die Resultate ihrer Arbeit »nach dem eigenen Ausspruch des damit betrauten Komitees für Frankreich ziemlich vollständig« sind! Und was sind diese Resultate? Von 89 Großindustriellen resp. Aktiengesellschaften, welche Auskunft erteilten, haben 31 keine Arbeiterwohnungen errichtet; die errichteten Wohnungen beherbergen nach Sax' eigner Schätzung höchstens 50000-60000 Köpfe, und die Wohnungen bestehn fast ausschließlich nur aus zwei Zimmern für jede Familie!

Es ist selbstredend, daß jeder Kapitalist, den die Bedingungen seiner Industrie – Wasserkraft, Lage der Kohlengruben, Eisensteinlager und sonstigen Bergwerke usw. – an eine bestimmte ländliche Lokalität fesseln, Wohnungen für seine Arbeiter bauen muß, wenn keine vorhanden sind. Darin einen Beweis der Existenz der »latenten Assoziation«, »ein sprechendes Zeugnis für die Zunahme des Verständnisses der Sache und ihrer hohen Tragweite«, einen »viel verheißenden Anfang« (S. 115) zu sehn, dazu gehört eine stark entwickelte Gewohnheit, sich selbst etwas aufzubinden. Übrigens unterscheiden sich die Industriellen der verschiedenen Länder auch hierin nach ihrem jedesmaligen Nationalcharakter. Z.B. erzählt uns Herr Sax S. 117:

»In England macht sich erst in neuester Zeit eine gesteigerte Tätigkeit der Arbeitgeber in dieser Richtung bemerkbar. Namentlich sind es die abgelegenen Weiler auf dem Lande... Der Umstand, daß die Arbeiter sonst häufig von der nächsten Ortschaft einen weiten Weg zur Fabrik zurückzulegen haben und, schon erschöpft daselbst anlangend, ungenügende Arbeit leisten, ist es vorwiegend, welcher den Arbeitgebern den Beweggrund zum Baue von Wohnungen für ihre Arbeitskräfte abgibt. Indes mehrt sich auch die Zahl derjenigen, welche, in tieferer Auffassung der Verhältnisse, mit der Wohnungsreform auch mehr oder weniger alle sonstigen Elemente der latenten Assoziation in Verbindung bringen, und diesen danken jene blühenden Kolonien ihr Entstehen... Die Namen eines Ashton in Hyde, Ashworth in Turton, Grant in Bury, Greg in Bollington, Marshall in Leeds, Strutt in Belper, Salt in Saltaire, Ackroyd in Copley u.a. sind im Vereinigten Königreiche um dessentwillen wohlbekannt.«

Heilige Einfalt und noch heiligere Unwissenheit! Erst in der »neuesten Zeit« haben die englischen ländlichen Fabrikanten Arbeiterwohnungen gebaut! Nein, lieber Herr Sax, die englischen Kapitalisten sind wirkliche Großindustrielle, nicht nur dem Beutel, sondern auch dem Kopfe nach. Lange ehe man in Deutschland eine wirklich große Industrie besaß, hatten sie eingesehn, daß bei ländlicher Fabrikation die Auslage für Arbeiterwohnungen ein notwendiger, direkt und indirekt sehr rentabler Teil des Gesamtanlagekapitals ist. Lange ehe der Kampf zwischen Bismarck und den deutschen Bourgeois den deutschen Arbeitern die Koalitionsfreiheit schenkte, hatten die englischen Fabrikanten, Bergwerks- und Hüttenbesitzer praktisch erfahren, welchen Druck sie auf sinkende Arbeiter ausüben können, wenn sie gleichzeitig die Mietsherren dieser Arbeiter sind. »Die blühenden Kolonien« eines Greg, eines Ashton, eines Ashworth gehören so sehr der »neuesten Zeit« an, daß sie schon vor 40 Jahren von der Bourgeoisie als Muster ausposaunt wurden, wie ich das selbst schon vor 28 Jahren beschrieben (»Lage der arbeitenden Klasse«, Seite 228-230, Anmerkung). Etwa ebenso alt sind die von Marshall und Akroyd (so schreibt sich der Mann) und noch viel älter, ins vorige Jahrhundert in ihren Anfängen zurückreichend, ist die von Strutt. Und da in England die durchschnittliche Dauer einer Arbeiterwohnung auf 40 Jahre angenommen wird, so kann Herr Sax sich selbst an den Fingern abzählen, in welchem verfallenen Zustand sich diese »blühenden Kolonien« jetzt befinden. Zudem liegt die Mehrzahl dieser Kolonien jetzt nicht mehr auf dem Lande; die kolossale Ausdehnung der Industrie hat die meisten von ihnen derart mit Fabriken und Häusern umgeben, daß sie mitten in schmutzigen und rauchigen Städten von 20000 bis 30000 und mehr Einwohnern liegen; was die durch Herrn Sax repräsentierte deutsche Bourgeoisiewissenschaft nicht verhindert, die alten englischen Lobgesänge von 1840, die gar nicht mehr anwendbar sind, noch heute getreulichst nachzubeten.

Und nun gar der alte Akroyd! Dieser brave Mann war allerdings ein Philanthrop vom reinsten Wasser. Er liebte seine Arbeiter und besonders seine Arbeiterinnen so sehr, daß seine weniger menschenfreundlichen Konkurrenten in Yorkshire von ihm zu sagen pflegten: er treibe seine Fabrik ausschließlich mit seinen eignen Kindern! Allerdings behauptet Herr Sax, daß in diesen blühenden Kolonien »uneheliche Geburten immer seltener werden« (Seite 118). Jawohl, uneheliche Geburten außer der Ehe; die hübschen Mädchen verheiraten sich in den englischen Fabrikdistrikten nämlich sehr jung.

In England ist die Anlage von Arbeiterwohnungen dicht neben jeder großen ländlichen Fabrik, und gleichzeitig mit der Fabrik, die Regel gewesen seit 60 Jahren und mehr. Wie schon erwähnt, sind viele solcher Fabrikdörfer der Kern geworden, um den sich später eine ganze Fabrikstadt angesetzt hat, mit allen den Übelständen, die eine Fabrikstadt mit sich bringt. Diese Kolonien haben also die Wohnungsfrage nicht gelöst, sie haben sie in ihrer Lokalität erst geschaffen.

Dagegen in den Ländern, die England auf dem Gebiet der großen Industrie nur nachgehinkt sind, und die eigentlich erst seit 1848 kennengelernt haben, was eine große Industrie ist, in Frankreich und besonders in Deutschland ist es ganz anders. Hier sind es nur kolossale Hüttenwerke und Fabriken, die sich nach langem Zaudern zum Bau einiger Arbeiterwohnungen entschließen – wie das Schneidersche Werk in Creusot und das Kruppsche in Essen. Die große Mehrzahl der ländlichen Industriellen läßt ihre Arbeiter in Hitze, Schnee und Regen meilenweit morgens zur Fabrik und abends wieder nach Hause traben. Dies ist besonders in gebirgigen Gegenden der Fall – in den französischen und Elsasser Vogesen, wie an der Wupper, Sieg, Agger, Lenne und anderen rheinisch-westfälischen Flüssen. Im Erzgebirge wird's nicht besser sein. Es ist dieselbe kleinliche Knickerei bei Deutschen wie bei Franzosen.

Herr Sax weiß sehr gut, daß sowohl der vielversprechende Anfang wie die blühenden Kolonien weniger als nichts bedeuten. Er sucht also jetzt den Kapitalisten zu beweisen, welche prächtige Renten sie aus der Anlage von Arbeiterwohnungen ziehen können. Mit andern Worten, er sucht ihnen einen neuen Weg anzuzeigen, die Arbeiter zu prellen.

Zuerst hält er ihnen das Exempel einer Reihe von Londoner Baugesellschaften vor, welche, teils philanthropischer, teils spekulativer Natur, einen Reinertrag von 4 bis 6% und mehr erzielt haben. Daß Kapital, in Arbeiterwohnungen angelegt, sich gut rentiert, braucht uns Herr Sax nicht erst zu beweisen. Der Grund, weshalb nicht mehr darin angelegt wird als geschieht, ist der, daß teurere Wohnungen sich dem Eigentümer noch besser rentieren. Herrn Sax' Mahnung an die Kapitalisten läuft also wieder auf bloße Moralpredigt hinaus.

Was nun diese Londoner Baugesellschaften angeht, deren glänzende Erfolge Herr Sax so laut ausposaunt, so haben sie laut seiner eignen Aufzählung – und darin ist jede beliebige Bauspekulation mit aufgeführt – im ganzen Unterkommen für 2132 Familien und für 706 einzelne Männer hergestellt, also für unter 15000 Personen! Und dergleichen Kindereien wagt man in Deutschland ernsthaft als große Erfolge aufzuführen, während im Ostteil von London allein eine Million Arbeiter in den elendesten Wohnungszuständen leben? Diese sämtlichen philanthropischen Bestrebungen sind in der Tat so erbärmlich nichtig, daß in den englischen Parlamentsberichten, die sich mit der Lage der Arbeiter befassen, ihrer nie auch nur Erwähnung getan wird.

Von der lächerlichen Unkenntnis Londons, die sich in diesem ganzen Abschnitt breitmacht, wollen wir hier gar nicht sprechen. Nur eins. Herr Sax meint, das Logierhaus für einzelne Männer in Soho sei eingegangen, weil in dieser Gegend »auf zahlreiche Kundschaft nicht zu rechnen« war. Herr Sax stellt sich nämlich das ganze Westend von London als eine einzige Luxusstadt vor und weiß nicht, daß dicht hinter den elegantesten Straßen die schmutzigsten Arbeiterviertel liegen, von denen z.B. Soho eins ist. Das Musterlogierhaus in Soho, von dem er spricht und das ich schon vor 23 Jahren kannte, hatte anfangs Zuspruch die Menge, ging aber ein, weil kein Mensch es darin aushalten konnte. Und dabei war es noch eins der besten.

Aber die Arbeiterstadt von Mülhausen im Elsaß, – das ist doch ein Erfolg?

Die Arbeiterstadt in Mülhausen ist das große Paradepferd der kontinentalen Bourgeois, grade wie die weiland blühenden Kolonien von Ashton, Ashworth, Greg und Konsorten das der englischen. Leider ist sie kein Produkt der »latenten« Assoziation, sondern der offenen Assoziation zwischen dem zweiten französischen Kaisertum und den Elsasser Kapitalisten. Sie war eins von Louis Bonapartes sozialistischen Experimenten, zu dem der Staat 1/3 des Kapitals vorschoß. Sie hat in 14 Jahren (bis 1867) 800 kleine Häuschen nach einem mangelhaften, in England, wo man dies besser versteht, unmöglichen System gebaut, und überläßt diese den Arbeitern gegen monatliche Bezahlung eines erhöhten Mietbetrags nach 13 bis 15 Jahren als Eigentum. Diese Art der Eigentumserwerbung, in den englischen genossenschaftlichen Baugesellschaften, wie wir sehen werden, längst eingeführt, brauchte von den Elsasser Bonapartisten nicht erst erfunden zu werden. Die Mietaufschläge für den Ankauf der Häuser sind im Verhältnis zu den englischen ziemlich stark; der Arbeiter erhält z.B., nachdem er 4500 Franken in fünfzehn Jahren nach und nach eingezahlt hat, ein Haus, das vor 15 Jahren 3300 Franken wert war. Falls der Arbeiter wegziehen will oder auch nur mit einer einzigen Monatszahlung im Rückstand bleibt (in welchem Fall er herausgesetzt werden kann), berechnet man ihm 62/3% des ursprünglichen Hauswerts als jährliche Miete (z.B. 17 Franken monatlich bei 3000 Franken Hauswert), und zahlt ihm den Rest heraus, aber ohne einen Pfennig Zinsen. Daß dabei die Gesellschaft, abgesehen von der »Staatshülfe«, fett werden kann, begreift sich; ebensowohl begreift sich, daß die unter diesen Umständen gelieferten Wohnungen, schon weil vor der Stadt, halb ländlich, angelegt, besser sind als die alten Kasernenwohnungen in der Stadt selbst.

Von den paar erbärmlichen Experimenten in Deutschland, deren Jämmerlichkeit selbst Herr Sax, Seite 157, anerkennt, sagen wir kein Wort.

Was beweisen nun alle diese Exempel? Einfach, daß die Anlage von Arbeiterwohnungen, selbst wenn nicht alle Gesetze der Gesundheitspflege mit Füßen getreten worden, sich kapitalistisch rentiert. Das aber ist nie bestritten worden, das wußten wir alle längst. Jede Kapitalanlage, die ein Bedürfnis befriedigt, rentiert sich bei rationellem Betrieb. Die Frage ist grade: warum trotzdem die Wohnungsnot fortbesteht, warum trotzdem die Kapitalisten nicht für hinreichende gesunde Wohnungen für die Arbeiter sorgen? Und da hat Herr Sax eben wieder nur Ermahnungen an das Kapital zu richten und bleibt uns die Antwort schuldig. Die wirkliche Antwort auf diese Frage haben wir oben schon gegeben.

Das Kapital, das ist jetzt endgültig festgestellt, will die Wohnungsnot nicht abschaffen, selbst wenn es könnte. Bleiben nur zwei andere Auskunftsmittel: die Selbsthülfe der Arbeiter und die Staatshülfe.

Herr Sax, ein begeisterter Verehrer der Selbsthülfe, weiß auch auf dem Gebiet der Wohnungsfrage Wunderdinge von ihr zu berichten. Leider muß er gleich im Anfang zugeben, daß sie nur da etwas leisten kann, wo das Cottagesystem entweder besteht oder doch durchführbar ist, also wiederum nur auf dem Lande; in den großen Städten, auch in England, nur in sehr beschränktem Maßstab. Dann, seufzt Herr Sax,

»kann sich die Reform durch dieselbe« (die Selbsthülfe) »nur auf einem Umwege, daher stets nur unvollkommen vollziehen, nämlich nur insofern, als eben dem Prinzip des Eigenbesitzes eine auf die Qualität der Wohnung rückwirkende Kraft zukommt«.

Auch dies wäre in Zweifel zu ziehn; jedenfalls hat »das Prinzip des Eigenbesitzes« auf die »Qualität« des Stils unsres Verfassers keineswegs reformierend zurückgewirkt. Trotz alledem hat die Selbsthülfe in England solche Wunder getan,

»daß dadurch alles, was dort zur Lösung der Wohnungsfrage nach anderen Richtungen hin geschehen ist, weit überholt wird. Es sind dies die englischen building societies«, die Herr Sax auch besonders deswegen weltläufiger behandelt, weil »über ihr Wesen und Wirken im allgemeinen sehr ungenügende oder irrige Vorstellungen verbreitet sind. Die englischen building societies sind keineswegs... Baugesellschaften oder Baugenossenschaften, sie sind vielmehr... im Deutschen etwa durch: ›Hauserwerbvereine‹ zu bezeichnen; sie sind Vereine mit dem Zwecke, durch periodische Beiträge der Mitglieder einen Fonds anzusammeln, und daraus, eben nach Maßgabe der Mittel, den Mitgliedern zum Ankauf eines Hauses Darlehen zu gewähren... Die building society ist somit für den einen Teil ihrer Mitglieder ein Sparverein, für den andern Teil eine Vorschußkasse. – Die building societies sind also für die Bedürfnisse des Arbeiters berechnete Hypothekarkreditanstalten, welche hauptsächlich... die Ersparnisse der Arbeiter... den Standesgenossen der Einleger zum Ankauf oder Bau eines Hauses zuwenden. Wie vorauszusetzen, werden diese Darlehen gegen Verpfändung der betreffenden Realität und in der Weise konstituiert, daß die Tilgung derselben in kurzen Ratenzahlungen erfolgt, welche Verzinsung und Amortisation in sich vereinen... Die Verzinsung wird den Einlegern nicht ausbezahlt, sondern stets auf Zinseszins gutgeschrieben... Die Rückforderung der Einlagen samt den angewachsenen Interessen... kann gegen monatliche Kündigung jeden Augenblick erfolgen.« (Seite 170-172.) »Es bestehen in England über 2000 solcher Vereine,... das in ihnen angesammelte Kapital beläuft sich auf etwa 15000000 Pfund Sterling, und an 100000 Arbeiterfamilien sind auf diesem Wege bereits zu dem Besitze eines eignen häuslichen Herdes gelangt; eine soziale Errungenschaft, der sicherlich nicht bald eine andre an die Seite zu stellen.« (Seite 174.)

Leider kommt auch hier das »Aber« dicht hinterdrein gehinkt:

»Eine vollendete Lösung der Frage ist indes damit noch keineswegs erreicht. Schon aus dem Grunde nicht, weil der Hauserwerb nur den bessergestellten Arbeitern... offensteht... Namentlich die sanitären Rücksichten sind oft nicht genügend beobachtet.« (Seite 176.)

Auf dem Kontinent finden »derartige Vereine... nur ein geringes Terrain zur Entfaltung vor«. Sie setzen das Cottagesystem voraus, das hier nur auf dem Lande besteht; auf dem Lande aber sind die Arbeiter zur Selbsthülfe noch nicht entwickelt genug. Andrerseits in den Städten, wo sich eigentliche Baugenossenschaften bilden könnten, stehn ihnen »sehr erhebliche und ernste Schwierigkeiten mannigfacher Art entgegen«. (Seite 179.) Sie könnten eben nur Cottages bauen, und das geht in den großen Städten nicht. Kurzum, »dieser Form der genossenschaftlichen Selbsthülfe« kann »nach den heutigen Verhältnissen – und auch kaum in naher Zukunft – die Hauptrolle in der Lösung der vorliegenden Frage wohl nicht zufallen«. Diese Baugenossenschaften befinden sich nämlich noch »im Stadium der ersten, unentwickelten Anfänge«. »Dies gilt selbst für England.« (Seite 181.)

Also: die Kapitalisten wollen nicht und die Arbeiter können nicht. Und damit könnten wir diesen Abschnitt schließen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre, über die englischen building societies, die die Bourgeois von der Couleur Schulze-Delitzsch unsern Arbeitern stets als Muster vorhalten, einige Aufklärung zu geben.

Diese building societies sind weder Arbeitergesellschaften, noch ist ihr Hauptzweck, Arbeitern eigne Häuser zu verschaffen. Wir werden im Gegenteil sehn, daß dies nur sehr ausnahmsweise geschieht. Die building societies sind wesentlich spekulierender Natur, die kleinen, welche die ursprünglichen sind, nicht weniger als ihre großen Nachahmer. In einem Wirtshaus tun sich, auf Betrieb gewöhnlich des Wirts, bei dem dann die wöchentlichen Versammlungen stattfinden, eine Anzahl Stammgäste und deren Freunde, Krämer, Kommis, Handlungsreisende, Kleinmeister und andres Kleinbürgertum – hier und da auch ein Maschinenbauer oder sonstiger zur Aristokratie seiner Klasse gehöriger Arbeiter – zu einer Baugenossenschaft zusammen; die nächste Veranlassung ist gewöhnlich, daß der Wirt ein verhältnismäßig wohlfeil zu habendes Grundstück in der Nachbarschaft oder sonstwo aufgespürt hat. Die meisten der Mitglieder sind durch ihre Beschäftigung nicht an eine bestimmte Gegend gebunden; selbst viele der Krämer und Handwerker haben in der Stadt nur ein Geschäftslokal, keine Wohnung; wer irgend kann, wohnt lieber draußen als mitten in der rauchigen Stadt. Die Baustelle wird gekauft, und die mögliche Anzahl von Cottages darauf errichtet. Der Kredit der Wohlhabenderen ermöglicht den Ankauf, die wöchentlichen Beiträge, nebst einigen kleinen Anleihen, decken die wöchentlichen Auslagen für den Bau. Diejenigen Mitglieder, die auf ein eignes Haus spekulieren, erhalten durchs Los die fertig werdenden Cottages zugeteilt, und der entsprechende Mietaufschlag amortisiert den Kaufpreis. Die übrigbleibenden Cottages werden vermietet oder verkauft. Die Baugesellschaft aber, wenn sie gute Geschäfte macht, sammelt ein kleineres oder größeres Vermögen an, das den Mitgliedern verbleibt, solange sie ihre Beiträge zahlen, und von Zeit zu Zeit oder bei Auflösung der Gesellschaft verteilt wird. Das ist der Lebenslauf von neun englischen Baugesellschaften aus zehn. Die übrigen sind größere, zuweilen unter politischen oder philanthropischen Vorwänden gebildete Gesellschaften, deren Hauptzweck aber schließlich immer der ist, den Ersparnissen des Kleinbürgertums eine höhere hypothekarische Anlage mit guter Verzinsung und Aussicht auf Dividende vermittelst Spekulation in Grundeigentum zu verschaffen.

Auf welche Sorte von Kunden diese Gesellschaften spekulieren, beweise der Prospekt einer der größten, wo nicht der größten unter ihnen. Die Birkbeck Building Society, 29 and 30, Southampton Buildings, Chancery Lane, London, deren Einnahmen seit ihrem Bestehn über 101/2 Millionen Pfund Sterling (70 Millionen Taler) betragen, die über 416000 Pfund in der Bank und in Staatspapieren angelegt hat und gegenwärtig 21441 Mitglieder und Depositare zählt, kündigt sich dem Publikum folgendermaßen an:

»Die meisten Leute sind vertraut mit den sogenannten Dreijahre-System der Pianofortefabrikanten, nach welchem jeder, der ein Pianoforte auf drei Jahre mietet, nach Verlauf dieser Zeit der Eigentümer desselben wird. Vor der Einführung dieses Systems war es für Leute von beschränktem Einkommen fast ebenso schwer, sich ein gutes Pianoforte, wie ein eignes Haus anzuschaffen; man zahlte jahraus, jahrein für die Miete des Pianofortes und gab zwei- oder dreimal soviel Geld aus, als das Pianoforte wert war. Was aber bei einem Pianoforte tunlich ist, ist es auch bei einem Hause... Da aber ein Haus mehr kostet als ein Pianoforte... ist eine längere Zeit nötig, um den Kaufpreis durch Miete abzutragen. Infolgedessen haben die Direktoren mit Hauseigentümern in verschiedenen Teilen von London und seinen Vorstädten Abmachungen getroffen, wodurch sie imstande sind, den Mitgliedern der Birkbeck Building Society und andern eine große Auswahl von Häusern in den verschiedensten Stadtteilen anzubieten. Das System, wonach die Direktoren zu verfahren beabsichtigen, ist: die Häuser für 121/2 Jahre zu vermieten, nach Verlauf welcher Zeit, falls die Miete regelmäßig bezahlt wird, das Haus das absolute Eigentum des Mieters wird, ohne fernere Zahlung irgendwelcher Art... Der Mieter kann auch für eine kürzere Anfallzeit bei höherer Miete, oder für eine längere Anfallzeit bei niedrigerer Miete, akkordieren... Leute von beschränktem Einkommen, Handlungs- und Ladengehülfen und andere können sich sofort von jedem Hausvermieter unabhängig machen, indem sie Mitglieder der Birkbeck Building Society werden.«

Das spricht klar genug. Von Arbeitern keine Rede, wohl aber von Leuten mit beschränktem Einkommen, Laden- und Handlungsgehülfen etc.; und noch dazu wird vorausgesetzt, daß die Applikanten in der Regel schon ein Pianoforte besitzen. In der Tat, es handelt sich hier gar nicht um Arbeiter, sondern um Kleinbürger und solche, die es werden wollen und können; Leute, deren Einkommen, wenn auch innerhalb gewisser Grenzen, in der Regel allmählich steigt, wie das der Handlungskommis und ähnlicher Erwerbszweige, während das des Arbeiters, im Betrage bestenfalls sich gleichbleibend, in Wirklichkeit fällt im Verhältnis der Zunahme seiner Familie und ihrer wachsenden Bedürfnisse. In der Tat, nur wenige Arbeiter können ausnahmsweise an solchen Gesellschaften teilnehmen. Einerseits ist ihr Einkommen zu gering, andrerseits zu unsichrer Natur, als daß sie Verpflichtungen auf 121/2 Jahre hinaus übernehmen könnten. Die wenigen Ausnahmen, für die dies nicht gilt, sind entweder die bestbezahlten Arbeiter oder Fabrikaufseher5.

Übrigens sieht jedermann, daß die Bonapartisten der Arbeiterstadt Mülhausen weiter nichts sind als elende Nachäffer dieser kleinbürgerlichen englischen Baugesellschaften. Bloß daß jene, trotz der ihnen gewährten Staatshülfe, ihre Kunden weit mehr beschwindeln als die Baugesellschaften. Ihre Bedingungen sind im ganzen weniger liberal als die durchschnittlich in England gültigen, und während in England von jeder Anzahlung stets Zins und Zinseszins berechnet und nach einmonatlicher Kündigung auch zurückbezahlt wird, stecken die Mülhauser Fabrikanten den Zins und Zinseszins in die Tasche und zahlen nur den in harten Fünffrankentalern eingezahlten Betrag zurück. Und niemand wird sich über diesen Unterschied mehr wundern als Herr Sax, der das alles in seinem Buche stehen hat, ohne es zu wissen.

Mit der Selbsthülfe der Arbeiter ist es also auch nichts. Bleibt die Staatshülfe. Was kann uns Herr Sax in dieser Beziehung bieten? Dreierlei:

»Erstens, der Staat hat darauf bedacht zu sein, in seiner Gesetzgebung und Verwaltung alles auszumerzen oder entsprechend zu bessern, was in irgendeiner Weise die Beförderung der Wohnungsnot der arbeitenden Klassen zur Folge hat.« (Seite 187.)

Also: Revision der Baugesetzgebung und Freigebung der Baugewerbe, damit wohlfeiler gebaut werde. Aber in England ist die Baugesetzgebung auf ein Minimum beschränkt, die Baugewerbe sind frei wie der Vogel in der Luft, und doch existiert die Wohnungsnot. Dabei wird jetzt in England so wohlfeil gebaut, daß die Häuser wackeln, wenn eine Karre vorbeifährt, und daß täglich welche einstürzen. Noch gestern, 25. Oktober 1872, sind in Manchester sechs auf einmal zusammengestürzt und haben sechs Arbeiter schwer verletzt. Hilft also auch nichts.

»Zweitens, die Staatsgewalt hat zu verhindern, daß der einzelne in seinem beschränkten Individualismus das Übel fortpflanze oder neu hervorrufe.«

Also: Gesundheits- und baupolizeiliche Inspektion der Arbeiterwohnungen, Übertragung der Befugnis an die Behörden, gesundheitsgefährliche und baufällige Wohnungen zu schließen, wie dies in England seit 1857 geschehn ist. Aber wie ist es dort geschehn ? Das erste Gesetz von 1855 (Nuisances Removal Act) blieb, wie Herr Sax selbst zugibt, »ein toter Buchstabe«, ebenso das zweite von 1858 (Local Government Act) (Seite 197). Dagegen glaubt Herr Sax, daß das dritte, der Artisans' Dwellings Act, der nur für Städte über 10000 Einwohner gilt, »sicherlich ein günstiges Zeugnis ablegt von der hohen Einsicht des britischen Parlaments in sozialen Dingen« (Seite 199), während diese Behauptung wieder nur »ein günstiges Zeugnis ablegt von« der totalen Unbekanntschaft des Herrn Sax mit englischen »Dingen«. Daß England überhaupt »in sozialen Dingen« dem Kontinent weit voraus ist, versteht sich von selbst; es ist das Mutterland der modernen großen Industrie, in ihm hat sich die kapitalistische Produktionsweise am freisten und am weitesten entwickelt, ihre Konsequenzen treten hier am grellsten an den Tag und rufen daher auch zuerst eine Reaktion in der Gesetzgebung hervor. Der beste Beweis dafür die Fabrikgesetzgebung. Wenn aber Herr Sax glaubt, ein Parlamentsakt brauche nur Gesetzeskraft zu erhalten, um auch sogleich praktisch eingeführt zu werden, so irrt er sich gewaltig. Und dies gilt von keinem Parlamentsakt mehr (den Workshops' Act allenfalls ausgenommen) als grade von dem Local Government Act. Die Ausführung des Gesetzes wurde den städtischen Behörden übertragen, welche fast überall in England anerkannte Mittelpunkte von Korruption aller Art, Familienbegünstigung und Jobbery6 sind. Die Agenten dieser städtischen Behörden, ihre Stellen allerlei Familienrücksichten verdankend, sind entweder nicht fähig oder nicht gesinnt, derartige Sozialgesetze auszuführen, während grade in England die mit Vorbereitung und Ausführung der Sozialgesetzgebung beauftragten Staatsbeamten sich meist durch strenge Pflichterfüllung auszeichnen – wenn auch jetzt in geringerm Maß als vor zwanzig, dreißig Jahren. In den Stadträten sind die Eigentümer ungesunder und baufälliger Wohnungen fast überall direkt oder indirekt stark vertreten. Die Wahl der Stadträte nach kleinen Bezirken macht die Gewählten von den kleinlichsten Lokalinteressen und Einflüssen abhängig; kein Stadtrat, der wiedergewählt werden will, darf wagen, für Anwendung dieses Gesetzes auf seinen Wahlbezirk zu stimmen. Man begreift also, mit welchem Widerwillen dies Gesetz fast überall von den Lokalbehörden aufgenommen wurde, und daß es bisher nur auf die allerskandalösesten Fälle – und auch da meist nur infolge einer bereits ausgebrochenen Epidemie, wie voriges Jahr in Manchester und Salford bei der Pockenepidemie-Anwendung gefunden hat. Der Appell an den Minister des Innern hat bisher nur in derartigen Fällen seine Wirkung gehabt, wie es denn das Prinzip jeder liberalen Regierung in England ist, soziale Reformgesetze nur notgedrungen vorzuschlagen und die schon bestehenden, wenn irgend möglich, gar nicht auszuführen. Das fragliche Gesetz, wie manche andere in England, hat nur die Bedeutung, daß es in den Händen einer von den Arbeitern beherrschten oder gedrängten Regierung, die es endlich wirklich anwendet, eine mächtige Waffe sein wird, in den gegenwärtigen sozialen Zustand Bresche zu legen.

»Drittens« soll die Staatsgewalt nach Herrn Sax »alle ihr zu Gebote stehenden positiven Maßregeln zur Abhülfe der bestehenden Wohnungsnot in umfassendstem Maße in Anwendung bringen.«

Das heißt, sie soll Kasernen, »wahrhafte Musterbauten« für ihre »subalternen Beamten und Diener« errichten (aber das sind ja keine Arbeiter!) und »Gemeindevertretungen, Gesellschaften und auch Privaten zum Zweck der Verbesserung der Wohnungen für die arbeitenden Klassen Darlehen... gewähren« (Seite 203), wie dies in England laut dem Public Works Loan Act geschieht, und wie Louis Bonaparte in Paris und Mülhausen getan hat. Aber der Public Works Loan Act besteht eben auch nur auf dem Papier, die Regierung stellt den Kommissären nur höchstens 50000 Pfund Sterling zur Verfügung, also die Mittel zum Bau von höchstens 400 Cottages, also in 40 Jahren 16000 Cottages oder Wohnungen für höchstens 80000 Köpfe – ein Tropfen am Eimer! Selbst wenn wir annehmen, daß nach zwanzig Jahren die Mittel der Kommission sich durch Rückzahlung verdoppeln, also in den letzten 20 Jahren Wohnungen für fernere 40000 Köpfe hergestellt werden, so bleibt es immer nur ein Tropfen am Eimer. Und da die Cottages nur 40 Jahre durchschnittlich dauern, so müssen nach 40 Jahren jedes Jahr die flüssigen 50000 oder 100000 Pfund dazu verwandt werden, die verfallenen ältesten Cottages wieder zu ersetzen. Dies nennt Herr Sax, Seite 203: das Prinzip praktisch richtig und »auch in unbeschränktem Maß« durchführen! Und mit diesem Eingeständnis, daß der Staat, selbst in England, »in unbeschränktem Maß« so gut wie gar nichts geleistet hat, schließt Herr Sax sein Buch, nur noch eine erneute Moralpredigt an alle Beteiligten vom Stapel lassend7.

Daß der heutige Staat der Wohnungsplage weder abhelfen kann noch will, ist sonnenklar. Der Staat ist nichts als die organisierte Gesamtmacht der besitzenden Klassen, der Grundbesitzer und Kapitalisten gegenüber den ausgebeuteten Klassen, den Bauern und Arbeitern. Was die einzelnen Kapitalisten (und diese kommen hier allein in Frage, da in dieser Sache auch der beteiligte Grundbesitzer zunächst in seiner Eigenschaft als Kapitalist auftritt) nicht wollen, das will auch ihr Staat nicht. Wenn also die einzelnen Kapitalisten die Wohnungsnot zwar beklagen, aber kaum zu bewegen sind, ihre erschreckendsten Konsequenzen oberflächlich zu vertuschen, so wird der Gesamtkapitalist, der Staat, auch nicht viel mehr tun. Er wird höchstens dafür sorgen, daß der einmal üblich gewordene Grad oberflächlicher Vertuschung überall gleichmäßig durchgeführt wird. Und wir haben gesehen, daß dies der Fall ist.

Aber, kann man einwenden, in Deutschland herrschen die Bourgeois noch nicht, in Deutschland ist der Staat noch eine. In gewissem Grade unabhängig über der Gesellschaft schwebende Macht, die eben deshalb die Gesamtinteressen der Gesellschaft repräsentiert und nicht die einer einzelnen Klasse. Ein solcher Staat kann allerdings manches, was ein Bourgeoisstaat nicht kann; von ihm darf man auch auf sozialem Gebiet ganz andere Dinge erwarten.

Das ist die Sprache der Reaktionäre. In Wirklichkeit aber ist auch in Deutschland der Staat, wie er besteht, das notwendige Produkt der gesellschaftlichen Unterlage, aus der er herausgewachsen ist. In Preußen – und Preußen ist jetzt maßgebend – besteht neben einem immer noch starken, großgrundbesitzenden Adel eine verhältnismäßig junge und namentlich sehr feige Bourgeoisie, die sich bisher weder die direkte politische Herrschaft, wie in Frankreich, noch die mehr oder weniger indirekte, wie in England, erkämpft hat. Neben beiden Klassen aber besteht ein sich rasch vermehrendes, intellektuell sehr entwickeltes und sich täglich mehr und mehr organisierendes Proletariat. Wir finden also hier neben der Grundbedingung der alten absoluten Monarchie: dem Gleichgewicht zwischen Grundadel und Bourgeoisie, die Grundbedingung des modernen Bonapartismus: das Gleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Sowohl in der alten absoluten, wie in der modernen bonapartistischen Monarchie aber liegt die wirkliche Regierungsgewalt in den Händen einer besondern Offiziers- und Beamtenkaste, die sich in Preußen teils aus sich selbst, teils aus dem kleinen Majoratsadel, seltener aus dem großen Adel, zum geringsten Teil aus der Bourgeoisie ergänzt. Die Selbständigkeit dieser Kaste, die außerhalb und sozusagen über der Gesellschaft zu stehen scheint, gibt dem Staat den Schein der Selbständigkeit gegenüber der Gesellschaft.

Die Staatsform, welche sich in Preußen (und nach seinem Vorgang in der neuen Reichsverfassung Deutschlands) aus diesen widerspruchsvollen gesellschaftlichen Zuständen mit notwendiger Konsequenz entwickelt hat, ist der Scheinkonstitutionalismus; eine Form, die sowohl die heutige Auflösungsform der alten absoluten Monarchie, wie die Existenzform der bonapartistischen Monarchie ist. In Preußen verdeckte und vermittelte der Scheinkonstitutionalismus von 1848 bis 1866 nur die langsame Verwesung der absoluten Monarchie. Seit 1866 und namentlich seit 1870 aber geht die Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände und damit die Auflösung des alten Staats vor aller Augen und auf kolossal wachsender Stufenleiter vor sich. Die rasche Entwicklung der Industrie und namentlich des Börsenschwindels hat alle herrschenden Klassen in den Strudel der Spekulation hineingerissen. Die 1870 aus Frankreich importierte Korruption im großen entwickelt sich mit unerhörter Schnelligkeit. Strousberg und Péreire ziehen den Hut voreinander. Minister, Generale, Fürsten und Grafen machen in Aktien trotz der geriebensten Börsenjuden, und der Staat erkennt ihre Gleichheit an, indem er die Börsenjuden massenweise baronisiert. Der Landadel, seit langem als Rübenzuckerfabrikant und Branntweinbrenner industriell, hat die alten soliden Zeiten längst hinter sich und schwellt mit seinen Namen die Listen der Direktoren aller soliden und unsoliden Aktiengesellschaften. Die Bürokratie verachtet mehr und mehr den Kassendefekt als einziges Mittel der Gehaltsaufbesserung; sie läßt den Staat laufen und macht Jagd auf die weit einträglicheren Posten in der Verwaltung industrieller Unternehmungen; die noch im Amt bleiben, folgen dem Beispiel ihrer Vorgesetzten, spekulieren in Aktien oder lassen sich bei Eisenbahnen usw. »beteiligen«. Man ist sogar berechtigt anzunehmen, daß auch die Lieutenants in mancher Spekulation ihr Händchen haben. Kurz, die Zersetzung aller Elemente des alten Staats, der Übergang der absoluten Monarchie in die bonapartistische ist in vollem Gang, und mit der nächsten großen Handels- und Industriekrisis bricht nicht nur der gegenwärtige Schwindel, sondern auch der alte preußische Staat zusammen8.

Und dieser Staat, dessen nichtbürgerliche Elemente sich täglich mehr Verbürgern, soll »die soziale Frage« lösen oder auch nur die Wohnungsfrage? Im Gegenteil. In allen ökonomischen Fragen verfällt der preußische Staat mehr und mehr der Bourgeoisie; und wenn die Gesetzgebung seit 1866 auf ökonomischem Gebiet nicht noch mehr den Interessen der Bourgeoisie angepaßt worden ist, als dies geschehen, an wem liegt die Schuld? Hauptsächlich an der Bourgeoisie selbst, die erstens zu feig ist, um ihre Forderungen energisch zu vertreten, und die zweitens sich gegen jede Konzession sträubt, sobald diese Konzession gleichzeitig dem drohenden Proletariat neue Waffen in die Hand gibt. Und wenn die Staatsgewalt, d.h. Bismarck, sich ein eignes Leibproletariat zu organisieren versucht, um damit die politische Tätigkeit der Bourgeoisie im Zaume zu halten, was ist das anders, als ein notwendiges und wohlbekanntes bonapartistisches Mittelchen, das gegenüber den Arbeitern zu nichts verpflichtet, als zu einigen wohlwollenden Redensarten und höchstens zu einem Minimum von Staatshülfe bei Baugesellschaften à la Louis Bonaparte?

Der beste Beweis dafür, was die Arbeiter vom preußischen Staat zu erwarten haben, liegt in der Verwendung der französischen Milliarden, die der Selbständigkeit der preußischen Staatsmaschine, gegenüber der Gesellschaft, eine neue, kurze Galgenfrist gegeben. Ist auch nur ein Taler dieser Milliarden verwandt worden, um die auf die Straße geworfenen Berliner Arbeiterfamilien unter Dach zu bringen? Im Gegenteil. Als der Herbst herangekommen, ließ der Staat selbst die paar elenden Baracken einreißen, die ihnen im Sommer als Notdach gedient hatten. Die fünf Milliarden gehn flott genug den Weg alles Fleisches, in Festungen, Kanonen und Soldaten; und trotz Wagner von Dummerwitz, trotz Stieberkonferenzen mit Östreich, wird den deutschen Arbeitern von den Milliarden noch nicht so viel zugewandt werden, als Louis Bonaparte den französischen zuwandte von den Millionen, die er Frankreich gestohlen.

III

In Wirklichkeit hat die Bourgeoisie nur eine Methode, die Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen – das heißt, sie so zu lösen, daß die Lösung die Frage immer wieder von neuem erzeugt. Diese Methode heißt: »Haussmann«.

Ich verstehe hier unter »Haussmann« nicht bloß die spezifisch-bonapartistische Manier des Pariser Haussmann, lange, gerade und breite Straßen mitten durch die enggebauten Arbeiterviertel zu brechen und sie mit großen Luxusgebäuden an beiden Seiten einzufassen, wobei neben dem strategischen Zweck der Erschwerung des Barrikadenkampfes noch die Heranbildung eines von der Regierung abhängigen, spezifisch-bonapartistischen Bauproletariats und die Verwandlung der Stadt in eine reine Luxusstadt beabsichtigt war. Ich verstehe unter »Haussmann« die allgemein gewordene Praxis des Breschelegens in die Arbeiterbezirke, besonders die zentral gelegenen unserer großen Städte, ob diese nun durch Rücksichten der öffentlichen Gesundheit und der Verschönerung oder durch Nachfrage nach großen zentral gelegenen Geschäftslokalen oder durch Verkehrsbedürfnisse, wie Eisenbahnanlagen, Straßen usw., veranlaßt worden. Das Resultat ist überall dasselbe, mag der Anlaß noch so verschieden sein: die skandalösesten Gassen und Gäßchen verschwinden unter großer Selbstverherrlichung der Bourgeoisie von wegen dieses ungeheuren Erfolges, aber – sie erstehn anderswo sofort wieder und oft in der unmittelbaren Nachbarschaft.

In der »Lage der arbeitenden Klasse in England« gab ich eine Schilderung von Manchester, wie es 1843 und 1844 aussah. Seitdem sind durch Eisenbahnen, die mitten durch die Stadt gehn, durch Anlegung neuer Straßen, durch Errichtung von großen öffentlichen und Privatgebäuden manche der schlimmsten, dort beschriebenen Distrikte durchbrochen, bloßgelegt und verbessert worden, andre ganz beseitigt; obwohl noch viele – abgesehn von der seither schärfer gewordenen gesundheitspolizeilichen Aufsicht – in demselben oder gar in schlimmerem baulichen Zustand sich befinden als damals. Dafür aber sind, dank der enormen Ausdehnung der Stadt, deren Bevölkerung seitdem um mehr als die Hälfte gewachsen, Bezirke, die damals noch luftig und reinlich waren, jetzt ebenso verbaut, ebenso schmutzig und überfüllt mit Menschen, wie damals die verrufensten Stadtteile. Hier nur ein Beispiel: In meinem Buch schilderte ich Seite 80 und folgende eine in der Talsohle des Flusses Medlock gelegene Häusergruppe, die unter dem Namen Klein-Irland (Little Ireland) schon seit Jahren den Schandfleck von Manchester gebildet hatte. Klein-Irland ist lange verschwunden; an seiner Stelle erhebt sich jetzt, auf hohem Unterbau ein Bahnhof; die Bourgeoisie wies prunkend auf die glückliche, endgültige Beseitigung von Klein-Irland hin, wie auf einen großen Triumph. Nun erfolgt im verflossenen Sommer eine gewaltige Überschwemmung, wie denn überhaupt die eingedämmten Flüsse in unsern großen Städten aus leicht erklärlichen Ursachen von Jahr zu Jahr größere Überschwemmungen veranlassen. Da findet sich denn, daß Klein-Irland keineswegs beseitigt, sondern bloß von der Südseite von Oxford Road nach der Nordseite verlegt ist und noch immer floriert. Hören wir die »Manchester Weekly Times« vom 20. Juli 1872, das Organ der radikalen Bourgeois von Manchester:

»Das Unglück, das die Bewohner der Talniederung des Medlock am vorigen Samstag überfiel, wird hoffentlich eine gute Folge haben: daß die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt wird auf die handgreifliche Verspottung aller Gesetze der Gesundheitspflege, die nun schon so lange vor der Nase der städtischen Beamten und des städtischen Gesundheits-Ausschusses dort geduldet worden. Ein derber Artikel in unserer gestrigen täglichen Ausgabe hat, nur noch zu schwach, den schmählichen Zustand einiger der Kellerwohnungen bei Charles Street und Brook Street enthüllt, die von der Überschwemmung erreicht wurden. Eine genaue Untersuchung eines der in jenem Artikel genannten Höfe befähigt uns, alle dort gemachten Angaben zu bestätigen und zu erklären, daß die Kellerwohnungen in diesem Hof längst hätten geschlossen werden sollen: richtiger, man hätte sie nie als menschliche Wohnungen dulden sollen. Squire's Court wird von sieben oder acht Wohnhäusern an der Ecke von Charles Street und Brook Street gebildet, über die der Wanderer, selbst an der niedrigsten Stelle von Brook Street, unter dem Eisenbahnbogen, Tag für Tag hinweggehen kann, ohne zu ahnen, daß menschliche Wesen in der Tiefe unter ihm in Höhlen wohnen. Der Hof ist dem öffentlichen Blick verborgen, nur zugänglich denen, die das Elend zwingt, in seiner grabähnlichen Abgeschlossenheit ein Unterkommen zu suchen. Selbst wenn die meist stockenden, zwischen Wehren eingedämmten Gewässer des Medlock ihren gewöhnlichen Stand nicht überschreiten, kann der Fußboden dieser Wohnungen nur einige Zoll über ihrem Spiegel sein: jeder tüchtige Regenschauer ist imstande, ekelhaft fauliges Wasser aus den Versenklöchern oder Abzugsröhren in die Höhe zu treiben und die Wohnungen mit den Pestgasen zu vergiften, welche jedes Überschwemmungswasser zum Andenken hinterläßt... Squire's Court liegt noch tiefer als die unbewohnten Keller der an Brook Street stehenden Häuser... zwanzig Fuß niedriger als die Straße, und das verpestete Wasser, das aus den Versenklöchern am Samstag emporgetrieben wurde, reichte bis an die Dächer. Wir wußten dies und erwarteten daher, den Hof unbewohnt oder nur von den Beamten des Gesundheits-Ausschusses besetzt zu finden, um die stinkenden Wände abzuwaschen und zu desinfizieren. Statt dessen sahen wir einen Mann, beschäftigt in der Kellerwohnung eines Barbiers... einen Haufen faulenden Unrats, der in einer Ecke lag, auf eine Schubkarre zu schaufeln. Der Barbier, dessen Keller schon ziemlich ausgefegt war, schickte uns noch tiefer hinab zu einer Reihe von Wohnungen, von denen er sagte: wenn er schreiben könnte, würde er an die Presse schreiben und auf ihrer Schließung bestehn. So kamen wir endlich nach Squire's Court, wo wir eine hübsche, gesund aussehende Irländerin fanden, die alle Hände voll mit der Wäsche zu tun hatte. Sie und ihr Mann, ein Privat-Nachtwächter, hatten seit 6 Jahren in dem Hof gewohnt, sie hatten eine zahlreiche Familie... In dem Hause, das sie eben verlassen hatten, war die Flut bis dicht ans Dach gestiegen, die Fenster waren zerbrochen, die Möbel ein Trümmerhaufen. Der Bewohner, sagte er, habe das Haus nur dadurch in erträglichem Geruchszustand halten können, daß er es alle zwei Monate mit Kalk weißte... Im inneren Hof, wohin unser Berichterstatter jetzt erst vordrang, fand er drei Häuser, mit der Rückmauer an die eben beschriebenen angebaut, wovon zwei bewohnt waren. Der Gestank war dort so abscheulich, daß der gesundeste Mensch nach ein paar Minuten seekrank werden mußte... Dies widerwärtige Loch war bewohnt von einer Familie von sieben Personen, die am Donnerstagabend (dem Tag der ersten Überschwemmung) alle im Hause geschlafen hatten. Oder vielmehr, wie die Frau sich verbesserte, nicht geschlafen, denn sie und ihr Mann hatten von dem Gestank den größten Teil der Nacht durch sich erbrochen. Am Samstag mußten sie, bis an die Brust durchs Wasser watend, ihre Kinder hinaustragen. Sie war auch der Ansicht, das Loch sei für ein Schwein zu schlecht, aber wegen der wohlfeilen Miete – 11/2 Schilling (15 Groschen) die Woche – hätte sie
es genommen, da ihr Mann wegen Krankheit die letzte Zeit oft verdienstlos gewesen. Der Eindruck, den dieser Hof und die in ihm wie in ein verfrühtes Grab eingepferchten Bewohner machen, ist der der äußersten Hülflosigkeit. Wir müssen übrigens sagen, daß nachgemachten Beobachtungen Squire's Court nur ein Abbild – vielleicht ein übertriebenes – mancher andrer Lokalitäten jener Gegend ist, deren Existenz unser Gesundheits-Ausschuß nicht verantworten kann. Und wenn man gestattet, daß diese Lokalitäten fernerhin bewohnt werden, so ladet der Ausschuß eine Verantwortlichkeit und die Nachbarschaft eine Gefahr ansteckender Epidemien auf sich, deren Gewicht wir nicht weiter untersuchen wollen.«

Dies ist ein schlagendes Exempel, wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage in der Praxis löst. Die Brutstätten der Seuchen, die infamsten Höhlen und Löcher, worin die kapitalistische Produktionsweise unsre Arbeiter Nacht für Nacht einsperrt, sie werden nicht beseitigt, sie werden nur – verlegt! Dieselbe ökonomische Notwendigkeit, die sie am ersten Ort erzeugte, erzeugt sie auch am zweiten. Und solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andre das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneignung aller Lebens- und Arbeitsmittel durch die Arbeiterklasse selbst.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 18, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 233-263. In: http://www.zeno.org - Henricus - Edition Deutsche Klassik GmbH.